Erholung oder Flucht vor dem Alltag 

Es ist eine Kunst, etwas auf einfache und kurze Art und Weise zu erklären. Ein solches Erlebnis hatte ich in meinem Urlaub am Hotelbuffet.

Ich hole mir einige Früchte und einen Lachs mit Senf und Brot, der in Hotels gerne angeboten wird. Es sind einige anderen Hotelgäste am Buffet. Ich stehe vor der Kaffeemaschine und öffne das verpackte Teesackerl. Diesmal entscheide ich mich für Minze, die ja aktivieren und erfrischen soll.

Währenddessen kommt ein etwas älterer Herr und fragt, ob er schon zur Kaffeemaschine darf. Dort befindet sich auch das Teewasser, deshalb stehe ich davor.

Ich antworte: „Ja gerne, ich bin hier ja auf Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Wenn es um einen derartigen Smalltalk geht, versuche ich freundlich zu sein und auch gegebenenfalls einen lockeren Spruch zu führen, hier entstehen oft interessante Unterhaltungen.

Der ältere Herr bedankt sich, weil ich ihn vorlasse und antwortet: „Danke.“ Er überlegt kurz und ergänzt: „Aber, sind wir im Urlaub nicht immer auf der Flucht?!“ Ich muss lachen und verstehe nach und nach die tiefsinnige Antwort dieses weisen Mannes. Er meinte die Flucht vor dem Alltag.

Diese Antwort beschäftigt mich noch einige Zeit. Zum einen, weil ich mir die Frage stelle, ob wir beim Urlaub wirklich vor etwas auf der Flucht sind? Brauchen wir die wohlverdiente Erholung zum Auftanken oder ist es ein Davonlaufen?

Um unser persönliches Glück zu erkennen, braucht es den Kontrast. Wenn immer alles gut ist, erkennen wir unser Glück nicht mehr. Das merken wir dann, wenn wir einen verstauchten Daumen haben, wie glücklich wir uns schätzen können, wenn alle Finger heil sind.

Hattest Du Zeiten des Verzichts, wirst Du die Zeit des Überflusses als schön empfinden, womöglich intensiver als andere Menschen. Hast Du diesen Überfluss immer, wirst Du ihn nicht mehr erkennen, obwohl er ja noch immer da ist. So ist es mit dem Glück, wir tragen es immer mit uns, die Sicht ist aber verschleiert. Um es zu erkennen, braucht es eben diesen Kontrast.

Der Kontrast ist wie beim Schreiben und Zeichnen. Schreiben wir auf einen hellgrauen Hintergrund mit hellgrauer Farbe, erkennen wir die Nachricht nicht. Verwenden wir einen dunklen Farbstift, erkennen wir durch den Kontrast das Bild bzw. die Symbole.

Ist der Urlaub ein Kontrast zum Alltag? Fühlen wir uns deshalb so glücklich? Diese Frage kann wohl jeder und jede nur für sich beantworten.

Zurück zu meinem Urlaubserlebnis. Nach dem Frühstück gehen wir auf unser Zimmer, um uns für den Badetag am See vorzubereiten. Danach spazieren wir zum See und machen es uns am Hotelsteg gemütlich. Ich nehme mir den Laptop mit, um meine Gedanken über die Flucht vom Alltag festzuhalten.

Nach einer guten Stunde legte plötzlich ein Boot am Hotelsteg an. Auf dem Boot befinden sich fünf ältere Damen und Herren, die aussteigen möchten. Beim Anlegen kommt Hektik auf. Im fortgeschrittenen Alter entwickeln sich ein wankelndes Boot und ein Holzsteg zu einer großen Herausforderung.  Ich helfe den reifen Junggebliebenen, um sicher ans Festland zu kommen. Weiters habe ich einen Badeschlapfen aus dem See gefischt und das Seil sicher am Steg befestigt.

Ich setze mich wieder auf meine Liege und öffne meinen Laptop. Auf einmal steht ein Mann vor mir und fragt mich was ich am Hotelkiosk trinken möchte. Ich war überrascht und sagte: „Nichts, danke.“. Er ließ nicht locker und meinte, er möchte sich auf diese Weise für die Hilfe beim Anlegen bedanken. Plötzlich erkannte ich den Mann, es war der Weise vom Frühstücksbuffet. Ich dachte, das ist ein Zeichen. Und so nahm ich die Einladung an. Es entstand eine kurze und angenehme Unterhaltung. Unter anderem habe ich seinen schlauen Spruch am Frühstücksbuffet erwähnt. Nach diesem kleinen Hoagascht setze ich mich wieder an den Laptop. Der alte Mann wusste viel, aber dass ich gerade über die Situation am Buffet geschrieben habe, aber nicht.

Es war ein Urlaub mit schönen Momenten und vielen Erkenntnissen. Oder war es der Kontrast, der mich erkennen ließ?

Je mehr ich mich mit dem Thema Glück beschäftige, je mehr wird mir bewusst, dass es um die individuelle Erkenntnis geht. Um die Sichtweise, das eigene Glück zu verstehen.

Wir haben das Glück immer dabei. Es sind die Schleier der Vergangenheit, die uns den Blick für besondere Momente – und somit für das glücklich sein – verhindern.

Ein Spruch, der hier sehr passend scheint: „Der Glücksmoment sagt, ich muss gleich wieder gehen, aber ich lege Dir eine Erinnerung ins Herz.“

Diese Geschichte beweist wieder einmal: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ bzw.  „Jede ist ihres Glückes Schmiedin.“

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